Wege in den Beruf!

Bericht über einen Tag zur Orientierung in der archäologischen Arbeitswelt und für studentisches Engagement.

ein Gastbeitrag von Ilian Finkeldey, ein sehr lieber Kommilitone und DASV Vorstand

Das ein Archäologe nicht wie in Filmen und Videospielen mit Peitsche und Hut, oder knapper Bekleidung und Schießeisen, Wertgegenstände aus mit Fallen verseuchten Tempeln und Gräbern stiehlt oder Dinoknochen ausgräbt und damit auch das Studium einen vielleicht nicht ganz so abenteuerlichen Alltag bietet, sollte schon vor Beginn des Studiums bekannt sein.

Im Leben jedes Studierenden kommt aber wahrscheinlich der Moment, in dem er/sie/* sich Fragen muss: „Wozu mache ich das Überhaupt?“. Der Moment wo das eigene Interesse und der Wissensdurst nicht mehr ausreicht, um Motivation für eine weitere stressige Prüfung oder einen besonders öden Aufsatz zu liefern. Hinzu kommen vielleicht ungeduldige Verwandte, Freunde und Bekannte mit ihren Fragen: „Wie lange brauchst du noch?“ „Was wird man damit später?“ „Hast du schon eine Taxilizenz in Aussicht?“ „Hast du das Zeug dazu?“

Pergament mit der Aufschrift: "Kann man damit überhaupt etwas Verdienen". Gemeint ist das Fach Archäologie

Bis zu einem bestimmten Grad müssen alle Studierenden mit solchen Fragen allein klarkommen, denn sie selbst haben sich ja für dieses Studium entschieden. Gerade in einem Archäologiestudium sind einige dieser Fragen jedoch, auch für sich selbst, nicht immer einfach zu beantworten. Woher können Archäologiestudierende also wissen, welche Möglichkeiten ihnen offenstehen und wie sie sich spezialisieren können?

Zuerst werden in der Regel an der Universität grundlegende Informationen zu den klassischen Berufswegen an Forschungsinstituten, Denkmalämtern, Museen und mittlerweile auch Grabungsfirmen geboten. Darüber hinaus kann in eigener Recherche vieles im Netz, oder in Gesprächen mit Absolventen*innen des eigenen Instituts in Erfahrung gebracht werden. Das Bild, welches einem hier vermittelt wird, ist allerdings häufig leider kein rosiges. Es wird viel von Stellenknappheit und schlechten bis ausbeuterische Arbeitsbedingungen und nur wenigen, dafür heißbegehrten, guten Stellen gesprochen. Die Optionen werden dabei auch nicht besonders vielfältig dargestellt. Obwohl die meisten Archäologiestudierenden wahrscheinlich nicht davon ausgehen dürften mit diesem Fach reich zu werden, ist es natürlich entmutigend, wenn einem nach 4-8 Jahren Studium höchstens schlecht bezahlte Zeitverträge winken. Was können Studierende also tun, um sich über Alternativen zu den klassischen Berufswegen zu informieren oder selbst aktiv mitzuwirken die Situation zu verbessern?

Pergament mit der Aufschrift: "Zuerst müssen sich Studierende vernetzen"

Vor etwa einem Jahr, zu Beginn des Sommersemesters 2019, fand in Hamburg aus diesem Grund ein über acht Stunden dauernder studentischer Informationstag statt. Motto des Tages war „Wege in den Beruf“ und erreichte rund 70 Teilnehmer. Die Veranstaltung wurde von einer Arbeitsgruppe von nur drei Studenten ins Leben gerufen, geplant und unter Mithilfe zahlreicher freiwilliger Helfer und mit Unterstützung des Fachschaftsrats, sowie der Verbände DGUF und DASV durchgeführt. Jedes Mitglied brachte einen besonderen Hintergrund mit: Geesche Wilts aka „Miss Jones“, welche sich seit Jahren, während ihres Studiums, mit wissenschaftlicher Öffentlichkeitsarbeit und Wissenschaftsjournalismus, auch auf ihrem Blog, auseinandersetzt. Patricia Arlt, welche sich schon früh in ihrem Studium als Schatzmeisterin der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte (DGUF e.V.) engagierte und der Autor dieses Artikels. Ilian Finkeldey, welcher den Hamburger Fachschaftsrat, seit 2016 im Dachverband Archäologischer Studierendenvertretungen (DASV e.V.) vertritt und zwischen 2018-2020 dessen Vorstandsvorsitz innehat. So konnten durch Unterstützung des Instituts und des FSRs, der DGUF, des DASVs und des Hamburger Vorgeschichtsvereins sowohl inhaltlich wie auch organisatorisch ein interessantes Programm zusammengestellt werden.

Drei Personen stehen fpr einer Beamerwand suf der Zahlreiche Archäologische Organisationen ihre Kürzel hinterlassen haben. Es handelt sich um Patricia Arlt, Geesche Wilts und ilian Finkeldey.

Patricia Arlt, Geesche Wilts und Ilian Finkeldey, die Organisatoren der AG Wege in den Beruf (Foto: Svea Weihmann)

In den acht geplanten Vorträgen wurden die Berufschancen und Möglichkeiten für junge Archäologen erörtert, Karriere Optionen und archäologische Verbände vorgestellt und persönliche Laufbahnen dargestellt. Das Publikum bestand vorwiegend aus Hamburger Bachelorstudierenden der Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologie oder Archäologie des Antiken Mittelmeerraumes. Besonders erfreulich war es, dass auch Studierende verschiedener anderer Institute aus ganz Deutschland extra für diese Veranstaltung nach Hamburg reisten. Dabei handelt es sich bei dieser Veranstaltung, um kein Einzelphänomen und auch zukünftig soll das Konzept an anderen Unis für Archäologiestudierende durchgeführt werden.

Der Bick in einen Voll besetzten Raum. Vorne steht Patrica Arlt, die Moderiert die Veranstalltung. Die Menschen lauschen ihr, und stehen sogar vor der Offenen Tür und hören zu.

Blick in den vollen Seminarraum (Foto: Svea Weihmann)

Mit Verbänden und anderen Netzwerken, die eigentlich bei der Orientierung innerhalb des Faches helfen könnten, sind die Schnittstellen im Studium gerade am Anfang sehr gering. Sie werden teilweise als sehr gesetzt oder verstaubt wahrgenommen. Im Gespräch mit Verbandsvertretern kann schnell der Eindruck entstehen, das Gegenüber leide an Karriereamnesie und wüsste nicht mehr, wie man sich auf den untersten Sprossen der Leiter fühlt. Außerdem werden die verschiedenen Archäologieverbände zwar auch an den Instituten als Ansprechpartner genannt, es dauert jedoch bis den Studierenden die ganzen Abkürzungen nicht mehr wie ein Dschungel erscheinen, wenn sie sich überhaupt mit ihnen Beschäftigen. Um dem Abzuhelfen begann unser Vortragstag in Hamburg mit einem Beitrag von Frank Siegmund über „Die komplexe Organisation von Archäologie in Deutschland: Was man wissen muss, und wo man sich einbringen kann“ und einer Vorstellung der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte (DGUF e.V.). Siegmund vertrat hierbei auch den DGUF-Vorstand, welcher Kooperationspartner des Thementages war. Die DGUF beschreibt sich selbst als mitgliederstärkster Fachverband für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie und fördert seit über 50 die Interessen seiner Mitglieder.

Buchstaben einer Buchstabensuppe liegen auf einem Teller. Sie liegen wirl umher, aber zwischendurch bilden sie die Abkürzungen: EEA, WSVA, VLA, DARV, DVA, CIFA D, DGUF; UISPP; DAI, DASV, MPC, NIHK, MOVA, RGZM,

Die Archäologische Buchstabensuppe aus Abkürzungen für verschiedenste Organisationen (Foto: Geesche Wilts)

Im Anschluss sprach Doris Gutsmiedl-Schümann über Berufsfelderkennung, Chancengleichheit und das Angebot der Arbeitsgruppe Wissen schafft Karriere des Deutschen Archäologen-Verbands (dArV e.V.). Der DArV vertritt als Berufsverband deutsche Archäolog*innen vor allem in beruflichen und sozialen interessen. Besonders bei diesem Vortrag wurde deutlich, dass ein Studium auch für fachferne oder fachfremde Berufszweige große Vorteile bringen kann, gleichzeitig jedoch auch für fachnahe Berufe nicht zwingend alle Voraussetzungen vermittelt. Ein Grund dafür mag sein, dass die Universitäten sich nach wie vor als Ausbildungsstätte, ausschließlich für den wissenschaftlichen Nachwuchs definieren. Demnach kann (und darf) auch ein archäologisches Studium ausdrücklich keine Berufsausbildung sein, sondern muss einem elitären wissenschaftlichen Selbstzweck dienen.

Pergament mit der Aufschrift: "Das kann also bedeuten, dass ein theoretisches Studium an der Uni, nicht zwangsläufig einen praktischen Nutzen außerhalb der Uni haben muss.

In extremen Fällen bedeutet dies, dass das Grabungshandwerk und Grabungsleitung, welches Grundstein für jede archäologische Forschung ist, an einigen Instituten für die Anforderungen des Arbeitsmarktes ungenügend vermittelt wird. Zum Beispiel bietet die Grabungsfirma „Archäologisches Büro Anzenberger & Leicht“ in Bayern ein eigenes Traineeprogramm für Absolventen an.

Das schwerreiche Archäologen eine Seltenheit sind, ist den meisten klar. Wie gut die Jobchancen sind und welche überhaupt offenstehen, oder welche Qualifikationen dafür notwendig sind, wird im Studium häufig nur am Rande kommuniziert. Hinzu kommt, dass einige Zweige der Archäologie, wie die behördliche Denkmalpflege oder Grabungsfirmen, teilweise, auch im Studium, noch immer als sekundärer Werdegang dargestellt werden.

Tatsächlich liegen heutzutage hier die meisten verfügbaren Arbeitsplätze innerhalb des Faches und ein großer Teil der erfolgreichen Absolventen wird hier ihre Laufbahn beginnen. Um ein besseres Licht auf die Arbeit in der Denkmalpflege zu werfen, sprach für uns Andreas Schütterle über „Großprojekte und Rettungsgrabungen beim Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein – Perspektive Ausgrabungsleitung in der Bodendenkmalpflege“ und stellte vor allem die Arbeitsrealität und Voraussetzungen seiner Arbeit da.

Pergament mit der Aufschrift: "Außerhalb der wissenschaftlichen Elfenbeintürme ist es für Studierende nicht immer einfach die richtigen Ansprechpartner zu erkennen und sich auch zu trauen mit diesen in Kontakt zu treten."

Der Niedersächsische Landesarchäologe Henning Haßmann sprach aus diesem Grund über seine Ansprüche an Archäologen*innen an seiner Behörde mit dem Vortrag „Multitalente gesucht. Archäolog*innen in der archäologischen Denkmalpflege“. Wobei er auch den gesteigerten Bedarf an Grabungstechniker*innen hervorhob, welche für seine Behörde Gold wert seien, auch wenn sie nicht mit Gold bezahlt würden. Des weiteren seien zusätzliche „Softskills“, wie die Fähigkeit mit niedersächsischen Grundeigentümern auf Plattdeutsch zu reden manchmal entscheidend für die Arbeit für die Landes- und Kreisarchäologie. Seinen flammenden Vortrag, beendete er mit der Aussage, dass die größte Voraussetzung in dem Berufsfeld sei, für die Archäologie zu brennen.

Zwei Hände sind zu sehen die Ein Brütchen Schmieren. Im Hintergrund liegen viele geschmierte Brötchen.

Vorbereitung des Mittagbuffets durch freiwillige Helfer (Foto: Svea Weihmann)

Firmenarchäologie als Karriereweg, Chancen und Risiken – Und warum Archäologen einen Berufsverband brauchen“ stellte uns Sascha Piffko nach der Mittagspause vor. Als Grabungsfirmenbesitzer und im Arbeitsrechtbewandert warnte er vor Werkverträgen bei Ausgrabungen und wies auf die wohl häufig ignorierte Verantwortung des Arbeitgebers hin, die dieser Gegenüber seinen Angestellten übernehmen müsse und nicht durch scheinselbständige Mitarbeiter oder befristete Verträge umgehen dürfe. Gleichzeitig stellte er die Arbeit seiner Grabungsfirma vor und den relativ jungen Berufsverband CIfA Deutschland, welcher sich zum Ziel gesetzt hat die bestehenden Missstände zu bekämpfen. Daran knüpfte Philip Lüth mit seinem Vortrag zu „Perspektiven der privatwirtschaftlichen Archäologie“ an, in dem er die aktuellen Anforderungen an Archäologen in der freien Wirtschaft beschrieb, Probleme kontextualisierte und gängige Löhne in archäologischen Berufen präsentierte. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass Archäologen in der freien Wirtschaft im Durchschnitt ihre Arbeit unter dem vom Bundesverband (Bfk-Fachgruppe Archäologie) vorgeschlagenen Honorarwert anbieten müssen.

Sacha Piffko und Patricia Arlt stehen Beieinander und tragen etwas vor.

Sascha Piffko und Patricia Arlt (Foto: Svea Weihmann)

Den vorletzten Vortrag hielt Angelika Franz „Be who you are – Archäologen in der freien Wildbahn (am Beispiel des Journalismus)“, in dem sie ihren eigenen Werdegang und die Möglichkeiten die ein Archäologie Studium auch in Fachfremden Bereichen eröffne, mitreißend schilderte. Besonders wurden, wie bei dem Vortrag von Frau Gutsmiedl-Schühmann, auf die wunderbaren und anscheinend sehr begehrte kombination von „Softs-“ und „Hardskills der fertigen Archäologen hingewiesen, die sich vom Arbeitsalltag, über das gemeinsam Anpacken, bis in die Kneipe danach zögen.

Zuletzt hatten die beiden Institutsleiter der zwei Archäologischen Disziplinen in Hamburg, Martina Seifert und Frank Nikulka einen gemeinsamen Vortrag, über die klassisch wissenschaftliche Universitätslaufbahn vorbereitet. Die hier genannten eigenen Beispiele belegten, dass die Laufbahn in der Archäologie deutlich vielfältiger und kurviger sein kann, als es aus Sicht eines frustrierten Studierenden vielleicht den Schein haben könnte. Viele Fähigkeiten die auch neben dem Studium, vielleicht in einem Studentenjob, erworben werden, können die eigene Karriere positiv beeinflussen und unerwartete berufliche Zwischenlösungen durchaus üblich sind.

Patricia Arlt, Geesche Wilts und Ilian Finkeldey stehen Glücklich vor einer Beamerwand. Sie sind sehr Fröhlich, und scheinen herumzualbern.

Freudiger Abschluss der Veranstaltung (Foto: Svea Weihmann)

Insgesamt konnten wir das Ergebnis unserer studentischen Tagung als vollen Erfolg verbuchen. Die Vortragenden hatten ein realistisches, aber positives Bild der archäologischen Arbeitswelt gezeichnet. Es wurden Probleme erörtert und gezeigt welche Möglichkeiten es gibt entgegen zu wirken. Es ist auch an uns, den zukünftigen Generationen der Archäologie, sich in den Verbänden zu vernetzen und das Berufsfeld nach Vorstellungen der jungen Archäolog*innen mit zu gestalten und sich für bessere Bedingungen und sichere Stellen einzusetzen

Leider konnten an diesem Tag nicht alle Felder gleichberechtigt abgedeckt werden. So konnte das wichtige Berufsfeld Museumsarbeit und Didaktik nicht weiter behandelt werden, da ein Referent kurzfristig absagen musste. Nicht zuletzt sollte sich niemand von seinem Studium abbringen oder entmutigen lassen. Frank Siegmund folgerte im April 2020 aus seinen kürzlich für die DGUF erhobenen Daten, dass gerade MA-Absolventen, aktuell besonders gute Chancen auf eine Stelle innerhalb des Faches haben. Eine deutliche Verbesserung gegenüber den 2000er Jahrgängen.

Zum Abschluss dieses Berichtes möchte ich noch einmal allen Referenten für ihre großartigen Beiträge, unseren Kooperationspartnern von der DGUF e.V., dem Hamburger Vorgeschichtsverein und dem DASV e.V. für Ihre tolle Unterstützung und die – gewünschte – Fortsetzung des erprobten Konzeptes, sowie den AG Mitgliedern, allen Kommilitonen und dem Fachschaftsrat Archäologie Hamburg für die gute Zusammenarbeit herzlichst Danken. Zu guter Letzt vielen Dank der fabelhaften Miss Jones für ihre reichliche Unterstützung und die Einladung für diesen Gastbeitrag.

Literatur:

Frank Siegmund, Die Studierenden- und Absolventenzahlen in den
Fächern Ur- und Frühgeschichte sowie Archäologie des Mittelalters und
der Neuzeit im Jahr 2019. In:  Archäologische Informationen 43, 2020.

Archäologisches Büro ANZENBERGER & LEICHT, Traineeprogramm

Kooperationspartner:

DGUF, DASV, Miss-Jones.de und FSR Archäologie Hamburg

Mehr zu den Referenten:

PD Dr. Frank Siegmund: https://www.frank-siegmund.de/

Prof. Dr. Doris Gutsmiedl-Schümann: https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/praehist/institut/Mitarbeiterinnen-und-Mitarbeiter/Professoren/Gutsmiedl_Schuemann.html

Dr. Henning Haßmann: https://de.wikipedia.org/wiki/Henning_Ha%C3%9Fmann

Sascha Piffko MA: http://www.spau-gmbh.de/piffko.htm

Dr. Philip Lüth: https://www.lueth-archaeologie.de/ueber-mich/

Dr. Angelika Franz: http://angelika-franz.net/uber-mich/

Prof. Dr. Martina Seifert: https://www.kulturwissenschaften.uni-hamburg.de/ka/personen/seifert.html

Prof. Dr. Frank Nikulka: https://www.kulturwissenschaften.uni-hamburg.de/vfg/personen/nikulka

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