Pseudoneglect – so schief, dass es wieder gerade ist

Gestern überraschte der Archäologe Dr. Nils Müller-Scheeßel von der Uni in Kiel mit einer faszinierenden Beobachtung in neolithischen (jungsteinzeitlichen) Siedlungen. Die Beobachtungen kamen bei gemeinsamen Untersuchungen der Kieler Universität und slowakischen Forscher*innen zu Tage. Die Wissenschaftler*innen beobachten Siedlungen der Linearbandkeramiker. Dabei handelt es sich um eine Kultur, die vor etwa 7000 Jahren (genauer: ca. 5.700 – 4.900 v. Chr.) die in weiten teilen Mitteleuropas lebte. Sie bauten Siedlungen mit 30 m langen Häusern aus Holz und Lehm. In solchen Siedlungen wurde oftmals über viele Jahrhunderte gelebt. Da so ein Langhaus aus Holz und Lehm aber nicht so alt wird wurden vmtl. alle 30 bis 40 Jahre neue Häuser errichtet, in die dann übersiedelt wurde, während die älteren Gebäude einfach so zerfielen. Es ist regelhaft zu beobachten, dass die Steinzeitmenschen Ihr neues Haus direkt neben das alte Haus bauten, während auf der anderen Seite des alten Hauses, ein noch älteres, lang verlassenes Haus vmtl. noch nicht ganz zerfallen war.

Grober Plan der Siedlung Véľke Lehemby in drei verschiedenen in drei verschiedenen Siedlungsphasen (Abbildung: PLOS ONE).

Zum einen wanderten diese jungsteinzeitlichen Siedlungen durch diese Bauweise also langsam durch die Landschaft. Zum anderen wurden diese Siedlungen aber auch ordentlich strukturiert und symmetrisch errichtet. Betrachtet man sie über die Jahrhunderte hinweg folgen sie einem wohl strukturiertem Raster. Das Problem an diesem Raster ist nur: Es ist etwas ungenau. Bei exakten Berechnungen fällt auf, dass die Achsen der Häuser jeweils Minimal von der Achse der älteren Häuser abweichen. Man könnte sich das damit erklären, dass im Zeitalter der frühen Sesshaftigkeit noch nicht so genau maß-genommen werden konnte. Nils Müller-Scheeßel fand nun aber eine andere Erklärung. Er hat erkannt, dass die jeweiligen Abweichungen einer Regelhaftigkeit unterliegen. Diese verknüpft er mit dem Pseudoneglect. Dabei handelt es sich um eine optische Wahrnehmungsverschiebung beim Menschen. Diese Wahrnehmungsverschiebung führt dazu, dass wir beim sehen Dinge, die wir mit dem linken Auge sehen, dominant in das Bild, das wir wahrnehmen eingearbeitet wird. Das führt dazu, dass wir minimal schief sehen. Die Abweichungen in denen die jungsteinzeitlichen Siedler*innen ihre neuen Häuser gebaut haben, liegen genau in dem Bereich, der notwendig ist um die Häuser in ihrer optischen Wahrnehmung symmetrisch erscheinen zu lassen. Siedlungen haben sich deswegen mit der Zeit minimal im Uhrzeigersinn gedreht, sahen aber für die Bewohner*innen ordentlich strukturiert und symmetrisch aus.

Pressemeldungen, die Originalveröffentlichung, und was es sonst noch dazu gibt:

https://www.uni-kiel.de/de/universitaet/detailansicht/news/005-uhrzeigersinn

https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0226082

https://www.archaeologie-online.de/nachrichten/immer-im-uhrzeigersinn-raetsel-fruehneolithischer-hausausrichtungen-geloest-4521/

https://www.tagesspiegel.de/wissen/archaeologie-jungsteinzeit-bauherren-mit-knick-in-der-pupille/25421864.html

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