Kaiser Wilhelms zurecht gebogene Geschichte

Er war als eine Erinnerung an Kaiser Wilhelm I gedacht, der Bau der Gedächtniskirche in Berlin. Sein Enkel, Kaiser Wilhelm II, hatte den Bau gemeinsam mit seiner Frau Auguste Viktoria geplant. Eine architektonische Verherrlichung der Macht der Hohenzollern entstand so im Herzen der Hauptstadt. Die politische Aussage stand dabei im Vordergrund, der religiöse Zweck einer Kirche war so schon fast zu einer Randerscheinung verkommen, was einige Kontroversen auslöste. Das Hauptanliegen, warum sich Kaiser Wilhelm I so eng mit der Kirche verzahnt zeigte, war tatsächlich der Kampf gegen das Erstarken der sozialdemokratischen Organisationen, aber auch der Anarchist*innen. Der Kaiser Band seine Monarchie an die Kirche in der Hoffnung damit an die christliche Arbeiterbewegung anzuknüpfen und diese damit zu stärken. Er sah sich bedroht, durch den aufblühenden freiheitsorientierten und oft atheistischen Geist in seinem Land.

Mosaikrest an einer Backsteinwand in der Kaiser Wilhelm Gedächtnisskirche. Das Mosaik zeigt einen Herrscher auf deinem Thron. Der Herrscher trägt ein goldenes Gewand und eine goldene Krone.

König Rudolf I von Habsburg. Eine verherrlichte Darstellung zur Überhöhung der Deutschen Geschichte.

Kaiser Wilhelm II wollte so zum anderen aber auch in eine Reihe gestellt werden mit dem, was er als Deutsche Geschichte verstand. Der Bau selber wurde von daher im neoromantischen Stil gebaut. Die Romantik war eine Architekturform, die er als „germanische Architektur“ verstand und die in dieser Zeit von Nationalisten zu Glorifizierungszwecken einfach umgedeutet wurde. Hinzu kam: Zahlreiche Mosaike wurden entworfen, die im Inneren dieses Sakralbaus Szenen einer vermeintlich glorreichen germanischen Geschichte zeigten. Dargestellt wurden dabei weniger historische korrekte Szenen, als mehr eine nationalistisch hübsch verbogene Form der Geschichte, die symbolisch gezeigt wurde. So landete auch diese Darstellung von König Rudolf I von Habsburg in der Berliner Kirche. Rudolf I legte im 13. Jahrhundert die Grundsteine für den Aufstieg der Habsburger Monarchie, die weite teile Europas entscheidend prägen sollte. Doch mit den preußischen Hohenzollern steht diese Geschichte eigentlich nicht in Verbindung. Wohl aber eignet sich die lange Geschichte der Habsburger dazu besonders eindrucksvoll und herrlich zu wirken. Ein Mensch mit der sich Kaiser Wilhelm II also gerne in eine Reihe gestellt hat. Die Reste der Gedächtniskirche tragen also vor allem Spuren davon, wie das Kaiserreich und der aufkommende Nationalismus Hand in Hand gegangen sind.

Literatur:

Sevinc Arikan: Die Turmruine der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche in Berlin.

Christina Lutter: Herrschaftsräume und Aufstieg der Habsburger zur europäischen Dynastie, in: B. Schneidmüller (Hg.), König Rudolf I. und der Aufstieg des Hauses Habsburg im Mittelalter, Darmstadt 2019.

 

2 Gedanken zu „Kaiser Wilhelms zurecht gebogene Geschichte

  1. Pingback: Ein kurzbesuch in der Gedächtniskirche | Miss Jones

  2. Mich haben damals die übertrieben goldenen Mosaiken auch beeindruckt. Das Grmanisieren entsprach aber wohl auch dem Zeitgeit damals.

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