#MeToo

„Ach nein, nicht die auch noch!“ werden vielleicht einige denken, die entnervt sind von der seit Monaten schwelenden Sexismusdebatte. Doch es gibt Dinge die ausgesprochen gehören, und die ich an dieser Stelle formulieren möchte, weil ich als eine von Sexismus betroffene Person für mich selber einstehen muss. Und nein ich bin kein Orakel, dass an dieser Stelle die 10 besten Tipps gegen Sexismus verteilt, oder ganz genau weiß wie man sich in welcher Situation verhalten sollte. Ich bin einfach nur ein Mensch, der vor vielen Situationen genauso hilflos da steht wie viele andere auch. Und genau diese emotionale Hilflosigkeit wird durch sexualisierte Gewalt verstärkt. Dieser Text ist für ich sehr emotional, und ich möchte euch liebe Leser*innen deswegen bitten, in den Kommentaren sehr sensibel zu sein. Denn alle Ereignisse die ich schildere habe ich wirklich erlebt und es ist mir nicht leicht gefallen, diesen Text zu schreiben. Es sind Ereignisse, die zum Teil nicht so einfach zu verdauen sind, und deswegen möchte ich darauf hinweisen, dass Menschen mit schwachen Gemüt, oder einer Traumatisierung überlegen sollten an dieser Stelle weiter zu lesen.

Es ist nicht immer alles „tuti“

In diesem Blog schreibe ich über meine Leidenschaften. Das ist Reisen, Archäologie und kleine und große Abenteuer die ich immer wieder erleben darf. Mir ist dabei klar, dass das ein Privileg ist. Doch so zu tun, als wäre immer alles tuti würde meinem Anspruch darauf nicht gerecht werden, authentisch und ehrlich zu berichten. Und deswegen gehört der Sexismus, den ich erlebe wenn ich für meinen Blog arbeite, ebenso auf diese Seite, wie Museumsbesuche, oder wissenschaftliche Gedankengänge. Es ist ein Teil des ganzen, ein Teil meiner subjektiven Wahrnehmung die eingefärbt ist durch die Erlebnisse, die ich tagtäglich habe, oder die einen starken Eindruck hinterlassen haben. Es sind Erlebnisse die meine Weltsicht einfärben, und die mein Leben ebenso beeinflussen wie meine Arbeit. Es sind Momente wie damals, als ich nach einem Besuch in Innsbruck alleine weiter reiste, und es genießen wollte mit der Bahn durch die Alpen zu fahren, und ich am Ende weinend an einem kleinen Bahnhof irgendwo in Tirol saß:

Meister Eder und sein Pumuckl

Ich hatte meinen Reiserucksack gepackt, und fuhr einige Stationen durch Tirol. Relativ zu beginn der Fahrt, stieg ein älterer Mann mit ein, mit einer leichten Alkoholfahne und einem starken Tiroler Akzent. Er fragte ob es mich stören würde wenn er sich mir gegenüber hinsetzen würde, was ich verneinte. Er setzte sich, und ich fragte mich eine Sekunde lang, woran mich dieser Mensch erinnerte. Irgendwann grinste ich in mich hinein, denn er ähnelte Meister Eder sehr auffällig. Schließlich beachtete ihn aber nicht weiter, sondern sah aus dem Fenster, denn ich finde es gibt kaum etwas schöneres als ein vorbeiziehendes Alpenpanorama zu beobachten.

Nach nur wenigen Stationen musste ich bereits umsteigen, sodass ich mich irgendwann wieder dem Zuginneren zuwendete, um meinen großen Rucksack aufzusetzen. Mein Blick fiel also wieder auf Meister Eder, der zu meiner Überraschung tatsächlich mit seinem Pumuckl beschäftigt war. Er spielte mit ihm das Mütze-Glatze-Spiel und glotze mich dabei an, als wäre ich ein personifiziertes Wichsheftchen. Ich war schockiert, und wusste nicht wie ich drauf reagieren sollte. Mit so etwas hätte ich nicht gerechnet.

In dem Moment hielt der Zug, und ich musste sehen, dass ich ausstieg. Ganz entgeistert saß ich dann an dem Bahnhof, wo mich ein Mann meines alter ansprach. Er hatte bemerkt, dass ich etwas neben der Spur war. Der Mann war sehr freundlich, und hörte mir zu. Er hatte auch großes Verständnis, tröstete mich, nahm mich sogar in den Arm, und war sehr liebevoll dabei. Dann bat er mich den Mann zu beschreiben. Anscheinend war er mit meiner Beschreibung nicht zufrieden. Schließlich fragte er mich „war das kein Ausländer“. Meine Antwort war „einen klischeehafteren Tiroler habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen“. Der Mann, der mir gerade noch zu Seite stand, wurde sehr böse. Er erklärte mir, dass es dann ja auch nicht schlimm sein kann, sexuelle Übergriffe seien nur sexuelle Übergriffe, wenn sie von Ausländern begangen würden. „Wenn Österreicher das machen, ist es nicht schlimm!“.

Ich fühlte mich daraufhin noch schlechter. Nicht nur weil ich diesen Rassismus nicht ertragen konnte, sondern auch weil ich auf diese Art quasi als Lügnerin mit illegitimen Gefühlen hingestellt wurde. Es gab mir ein Stück weit Hoffnungslosigkeit, dass mir offenbar nur glauben geschenkt würde, wenn ich von nicht Österreichern belästigt würde. Gleichzeitig rechtfertigt diese Argumentation auch die Handlungsweise des alten Mannes. Ich begann zu weinen, und saß am Ende ganz alleine im Tiroler Nirgendwo, und wartet auf meinen Zug. Gleichzeitig war mir die Legitimität für alles was ich fühlte, und damit auch für alles was ich war, aberkannt worden. Das tat unheimlich weh, und ich fand es ungerecht.

Auf der Flucht

Es ist und bleibt politisch schwierig eine Debatte über Übergriffe zu führen, wenn das Thema in einer gewissen Regelmäßigkeit in rassistische Äußerungen, oder durch antirassistische Äußerungen torpediert wird. Wie damals in Brüssel, wo ich alleine durch Molenbeek lief, und ein Auto mich verfolgte. Ich kannte mich nicht aus, und verlief mich in Panik immer tiefer in der Stadt. Der Fahrer des Autos hatte die Fensterscheibe heruntergekurbelt, und rief mir immer wieder hinterher, dass er mich kriegen und vergewaltigen würde. Vergewaltigen, bis ich Tod sei. Ich rannte, fand Einbahnstraßen, die ich durchquerte in der Hoffnung ihn so abzuhängen, nur damit er auf der anderen Seite wieder auf mich wartete, nur um mir erneut zu drohen. Molenbeek, dass ist ein Stadtteil der ein Jahr nach diesem Vorfall traurige Berühmtheit als Wohnort einiger IS-Terroristen erlangt hat. Eine Welt, die ich so vorher noch nie gesehen hatte, und die ich erst nach 3 Stunden Flucht, bei der ich mich immer tiefer im Großstadtgewirr verlief, verlassen konnte.

Als ich am Abend den Bekannten bei denen ich übernachtete davon erzählte gab es einen riesen großen Streit. Doch nicht auf meinen Verfolger wurde geschimpft, sondern auf mich. Ich solle so etwas nicht sagen, denn Molenbeek sei ein muslimischer Stadtteil, und Geschichten wie diese heizen nur die Stimmung gegen die Muslime an. Deswegen sei meine Behauptung, dass mir passiert ist, was mir passiert ist eine Lüge, und ich eine Rassistin.

Es war wieder einer diese Momente, die mir den Boden unter den Füßen weggerissen haben. Und ganz ehrlich, ich habe nicht den blassesten Schimmer ob dieser Mann Muslim war, oder ob er gerne Käsebrot isst. Und ganz ehrlich, es ist mir auch egal! Mir ist wichtig, dass ich und andere Opfer von Sexismus ernst genommen werden, und das generell mehr Verantwortungsbewusstsein entsteht. Und nein, es ist nicht der Fall, dass die Herkunft eines Menschen ihn automatisch zu einem besseren Menschen macht. Und genauso wenig ist eine Religion Rechtfertigung für sexistisches Verhalten.

Mich Knutscht ein Elch

Ich habe den Eindruck, dass Männer angst haben. Die Angst selber ein eigenes Fehlverhalten reflektieren zu müssen, oder auch einer Ungeheuerlichkeit bezichtigt zu werden. Und es ist einfach sich hinter bestimmten fadenscheinigen Erklärungen zurück zu ziehen. Dabei wäre es für alle hilfreich, wenn sich jeder selbst reflektiert. Und wenn ich sage jeder, dann schließe ich mich selbst nicht aus.

So wie damals, es war in Athen. Ich lernte in einem Café einige Leute kennen, die sehr nett waren. Ich ging in der Zeit wo ich in Athen war öfter dort hin, und fand sie auch fast jedes mal dort vor. Eines Abends war ich aber allein, und kam mit einem mir unbekannten Mann ins Gespräch. Plötzlich riss er mich an sich und küsste mich. Er küsste mich nicht einfach so, sondern schob mir regelrecht die Zunge in den Hals. Mir war das sehr unangenehm, und ich schubse ihn weg. Irgendwie entwickelte ich dabei Bärenkräfte, und er flog gut 2 m weit. Er lachte, und ich ging. Am nächsten Tag rief mich einer der Leute die ich sonst aus diesem Café kannte an, und fragte ob wir uns nicht wieder dort treffen wollten. Ich kam zur Tür rein, und wollte gleich wieder umdrehen. Der Mann der mich geküsst hatte war wieder da. Ich war damals noch sehr jung und mir war das Peinlich. Ich dachte ich hätte einen Fehler gemacht und wäre selber schuld daran gewesen, dass dieser Mann mich einfach Abgeknutscht hatte.

Der Bekannte, der mich eingeladen hatte zu kommen, bemerkte mich als ich mich davon schlich, und ging mir hinterher. Er fragt mich was los sei, und ich rückte stundenlang nicht mit der Sprache heraus, weil ich mich schämte. Irgendwann hatte der Bekannte aber mein Vertrauen erwirkt, und ich erzählte ihm von dem Kuss. Er sah mich mit großen Augen an, und bedankte sich für meine Offenheit. „so was musst du doch sagen, damit kannst du doch nicht alleine bleiben! Und außerdem ist das ein Freund von mir, und ich hab keine Lust mit jemanden befreundet zu sein, der sich so verhält!“. Er stellte den Mann zur rede, und der gesamte Freundeskreis war stink sauer auf ihn. Alle standen hinter mir, und ich habe in diesem Moment gelernt, dass es wichtig ist nicht zu schweigen. Aber dazu war es notwendig, dass auch ich mein Verhalten reflektiere. Aber es war dabei ebenso wichtig Menschen zu haben welche in diesem Moment hinter mir standen. Mir hat das geholfen ein gesünderes Verhältnis zu mir selbst zu bekommen. Aber vor allem, ein tieferes Bewusstsein dafür, was es bedeutet, dass mein Körper mir gehört.

Mein dank an den Punk

Aber auch das Bewusstsein, dass einem der eigene Körper gehört hilft einem nicht, wenn man mit einer gewissen Wahllosigkeit zum Opfer wird. Ich war in Wien, und ging nach eine Konzert den Ring entlang. Auf einmal hielt mir jemand von hinten Mund und Nase zu, und zerrt an mir. Dank Muskeltraining in Form von archäologischen Ausgrabungen, bin ich körperlich um einiges Kräftiger als ich augenscheinlich wirke. Von daher schaffte ich es relativ schnell mich aus dem octopusartigen Griff zu befreien. Ich schrie den Mann, der um einen Kopf größer war als ich, laut an, und hoffe so Aufmerksamkeit zu bekommen. Er war offenbar Stock besoffen, und brüllte zurück. Ein Punk bekam die Situation mit. „Lass mich in ruhe“ gab ich laut zu verstehen. Der Punk stellte sich daneben und versuchte erst-einmal die Situation zu erfassen. Dann stellte er sich vor mich, und brachte mich so in Sicherheit, dass ich schnell abhauen könnte. An dieser Stelle möchte ich meinen Dank an den unbekannten Punk ausrichten. Ich möchte mir nicht ausmalen was passiert wäre, wenn er nicht plötzlich auf der Bildfläche erschienen wäre.

Am nächsten Tag lernte ich dann was es bedeutet die Stimme für sich selbst zu erheben. Ich berichte einem Bekannten von der Situation. Empathie: Fehlanzeige! Stattdessen macht er mir Vorhaltungen, warum ich den alleine am Ring gewesen wäre, dass wäre für Frauen viel zu gefährlich. Ich solle generell Nachts nicht mehr auf die Straße gehen, ich würde ja schließlich nur aus dem kleinen beschaulichen Hamburg kommen, Wien sei eine wirkliche Großstadt, und kleine Mädchen müssten Ersteinmal lernen was das heißt dort zu leben. Außerdem würden gute katholische Frauen ohnehin nicht alleine herumlaufen, aber in dem versauten St. Pauli aus dem ich kommen würde, hätte ich ja eh nur gelernt mich zu verhalten wie eine Nutte.

Er übte damit einen unglaublichen psychischen Druck auf mich auf, indem der mir die Schuld und die Verantwortung dafür gab, dass andere ihr Verhalten nicht unter Kontrolle haben. Noch Wochen später bin ich zusammengezuckt, wenn mich unerwartet jemand berührt hat. Und gleichzeitig ging dieses Schimpfkonzert in meinem Kopf los, dass ich ja selber Schuld sei, wenn ich alleine auf die Straße gehe, obwohl ich eine Frau bin.

Unterhosenpädagogik

Es ist nicht witzig, sondern eher ganz schön traurig, dass diese Gesellschaft so unnötig viel leid verursacht. Den so gesehen war jede dieser Situationen vermeidbar. Und ich habe in keiner einen Fehler gemacht. Es wäre auch für diese Männer ganz einfach gewesen, sich nicht in der Bahn einen runter zu holen, Frauen die sie nicht kennen auch nicht zu Küssen, niemanden mit einem Auto durch die Stadt zu jagen, oder einfach niemanden von hinten anzugreifen. Es ist sogar viel einfacher all das sein zu lassen, denn es ist schlichtweg weniger Aufwand.

All diese Situationen waren sehr heftig. Und dadurch, dass ich sehr aktiv am Leben teilnehme, und immer wieder auf Reisen gehe setze ich mich natürlich auch öfter der Gefahr aus auf Idioten zu treffen, als wenn ich mein Leben in einem gut geschützen Büroraum, mit den immer gleichen Personen verbringen würde. Auch wenn es dort natürlich auch zu Sexismus kommt. Aber ich werde mich von diesen Idioten auch nicht davon abbringen lassen, die Dinge zu tun die ich wirklich liebe.

Auch wenn es mittlerweile mein subjektiver Eindruck ist, dass einige Männer sich so verhalten, weil sie sich an dem Bild einer selbstbewussten Frau stören. Es ist der Eindruck, dass es manchen Männern darum geht direkt macht auszuüben, um mich so in ein klassisches Rollenbild zu drängen, in das ich aber nicht hinein passe. Sexualisierte Gewalt wird dann in einer Hinsicht angewendet, die fast schon Pädagogisch wirkt, und mich zurück auf eine Art „rechten Weg“ bringen soll.

So wie damals. Ich war ein Teenager, in einem kleinen Ort in Schleswig Holstein auf dem Weg von der Schule nach Hause. Ich fand damals alles cool was anders war, und alles was irgendwie alternativ wirkte. Ich stylte mich stunden- und tagelang auf möglichst abgeranzt, damit mich möglichst viele Leute in Ruhe ließen. Das taten die meisten Menschen auch. Nicht so dieser Mann, der auf meinem Weg, an der Ampel, dann plötzlich neben mir stand, als ich auf grünes Licht wartete. Ich hatte ihn erst gar nicht bemerkt, ich merkte nur, dass da plötzlich eine Hand in meiner Unterhose war. Der Mann hatte mir unter den Rock gefasst. Er raunte mit ins Ohr „Freu dich du widerliches Stück, dass dich auch mal wer anfasst!“. Mir lief ein Schauer über den Rücken, und ich ekelte mich noch lange Jahre vor mir selbst. Der Mann hatte mir anscheinend in die Hose gefasst um mich dafür zu betrafen, dass ich war wie ich war. Und ich konnte mich deswegen selber nicht Wertschätzen bis zu dem Zeitpunkt an dem ich endlich begriff, dass ich diejenige bin, die für mein Leben entscheidet wie es Aussehen soll, und das mich niemand in irgend eine Rolle drängen darf.

Aber der Weg bis da hin war sehr schwer.

Menschen sind keine Objekte

Natürlich sind diese Wahrnehmungen subjektiv. Es sind ja schließlich auch meine ganz persönlichen Erfahrungen. Und dennoch sind sie ein Symptom, denn wenn mir so etwas passiert, dann passiert es auch anderen. Und es ist an der Zeit Verantwortung für solche Situationen zu übernehmen. Und diese beginnt nicht erst an der Stelle, wo eine Frau durch eine Stadt gejagt wird, oder sie plötzlich von hinten attackiert wird. Diese Stelle beginnt auch nicht da wo einem Mädchen an der Ampel in den Schritt gegriffen wird, sondern sie beginnt viel früher. Es ist die Stelle in der Gesellschaft wo Menschen andere Menschen als Objekte behandeln, wo jeder von uns hinsehen und einschreiten sollte. Und das gilt nicht nur für das Verhalten gegenüber Frauen, sondern für das Verhalten gegenüber jeden anderen Menschen. Die eigentliche Frage, die sich mir stellt ist: Was läuft Falsch in einer Welt in der bestimmte Menschengruppen wie Gegenstände behandelt werden?

Eine unerwartete Antwort

Es ist eine klassische Situation, von der ich glaube jede Frau hat sie regelmäßig erlebt. Ich bin in Hamburg und jemand grapscht mir im vorbeigehen an den Po. Im Grunde genommen rege ich mich darüber gar nicht mehr auf, weil mir so etwas dauernd passiert. Würde ich mich jedes mal aufregen, hätte ich einfach ein bedeutend unglücklicheren Alltag. Alleine diese Einstellung finde ich schon schlimm, denn ich fühle mich jedes mal wenn mir jemand an den Hintern fasst zum Objekt degradiert. Ich denke genau darüber nach, als ich in der Kneipe in der ich verabredet bin ankomme. Ein Kumpel sieht mich an, und merkt gleich, dass ich über etwas nachdenke. Ich erzähle ihm von der Grapschattacke, und es mich echt nervt. Ich frage ihn auch warum Männer so etwas machen, und kann mir nicht so recht erklären, was dieses Verhalten soll.

Zu meine überraschen bekomme ich auf diese Frage eine unerwartet ehrliche Antwort. Mein Kumpel wird etwas rot und erzählt mir dann, er hätte sich früher auch so verhalten. Und zwar immer wieder. Er wollte damit Frauen ins Bett kriegen. Meistens hat es nicht geklappt. Oftmals hat er sich Backpfeifen oder wenigstens Beleidigungen eingefangen. Aber, dass war ihm egal, denn er wusste genau, dass er auf diese Art im Schnitt jede 11te Frau ins Bett bekommen hat. „Wenn es bei der einen nicht klappt dann halt ´ner anderen“ sagte er. Heute schämt er sich dafür, denn er hat all diese Frauen nicht als Individuen wahrgenommen, sondern wollte nur Spielzeug haben. Dafür hat er andere Menschen tief verletzt. Das ist ihm heute klar.

#Metoo ist also mehr als nötig

Mein Eindruck aus meinen Erfahrungen ist, dass es nicht notwendig ist darüber zu diskutieren ob #MeToo notwendig ist, sondern, dass es ganz dringend darum geht eine Atmosphäre zu schaffen, in der Menschen weder Spielzeuge noch Gegenstände sind. Es kommt nicht von ungefähr, dass ich so behandelt werde, sondern es ist Bestandteil einer Gesellschaft, in der es OK ist Menschen so zu behandeln. Das beginnt in kleinen Anzeichen, und Gedanken, in symptomatischen Aussagen und Handlungsweisen und endet mit der Traumatisierung vieler einzelner Frauen.

Dass es Frauen gibt, die behaupten davon nicht betroffen zu sein, empfinde ich dabei eher als Symptom einer solchen Gesellschaft, als das ich ihnen glaube, dass sie nicht von Sexismus betroffen sind. Viel mehr nehme ich an, dass viele Frauen im Gegensatz zu mir sich stark mit einer bestimmten Art des weiblichen Rollenbild assoziieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie „Pädagogische-Übergriffe“ wahrnehmen so wie ich, ist also relativ gering. Außerdem, kann es sein, dass es andere Frauen als normal und Bestandteil ihrer Rolle empfinden, dass ihr Körper gegen ihren Willen angefasst werden darf. Zum Beispiel weil sie ihren eigen Körper nicht als diesen betrachten, sondern als Eigentum ihres Mannes. Das klingt im Jahre 2018 erst einmal absurd, scheint mir aber Phänomen, dass sich als unterschwelliger Diskurs bis heute verdeckt erhalten hat.

Dies alles ist Bestandteil einer gesellschaftlichen Realität, die für jeden natürlich anders wahrgenommen wird. Eine gesellschaftliche Realität die sich darin ausdrückt, dass ich Leserbriefe bekomme, die Anzweifeln, dass ich überhaupt eine Frau bin, weil ich dafür zu intelligent sein würde. Eine Gesellschaft, in der es ganz normal ist, dass Irgendwelche Typen mir auf der Straße hinterher pfeifen als sei ich ein Hund. Eine gesellschaftliche Realität, die sich selber für gleichberechtigt hält, und sich schon in bei der Betrachtung von Kinderspielzeug selber entlarvt. Eine Gesellschaft die Menschen wiederum in Rollenbilder zwingt, denen man sich anpassen muss ob man will oder nicht.

Und genau weil ich das nicht für mich möchte finde ich Feminismus gerade heutzutage wichtig. Weil ich Nachts alleine und angstfrei durch die Straßen streifen will. Weil ich ein recht auf ein „Nein“ habe bevor mich jemand küsst. Weil ich nicht ungefragt zur Wichsvorlage werden will, und weil ich das nicht nur für mich will ist #MeToo für unsere Gesellschaft unendlich wichtig, aber leider vermutlich nur ein kleiner von vielen nötigen Schritten für eine gleichberechtigte Welt.

Und wenn ich daran denke, was mir schon alles passiert ist, dann möchte ich lieber nicht daran denken, was POC-, Trans- oder Intersexuellen Menschen, Menschen mit Behinderungen, oder welche Gruppe ich auch immer jetzt vergessen habe, erleben müssen. Denn ich habe trotz allem sehr viele Privilegien, auf die nicht jede*r zurückgreifen kann. Um das deutlich zu machen habe ich den Text bewusst binär gehalten, da es mir darum geht die Problematiken der Gesellschaft die sich innerhalb dieser allgemein wahrgenommenen Binarität manifestiert hat hervor zu heben. Dafür habe ich mich entschieden, weil ich auf diese Art meine Sichtweise und meine Erlebnisse am Besten aufzeigen kann, und weil es sich bei allen weiteren in dem Text vorkommenden Personen um Cis-Männer handelte. Letztendlich passieren mir diese Übergriffe aber auch, weil ich selber nicht in die Standard-Rollenklischees der heutigen Zeit hinein passe. Es ist als gäbe es einen zusätzlichen Freibrief alle Menschen die nicht ganz dieser gesellschaftlichen Linie entsprechen ihre körperliche Integrität wegnehmen zu dürfen. Unter solchen Bedingungen ist ein #MeToo vielleicht eine der wichtigsten Gesellschaftlichen Endwicklungen der heutigen Zeit.

Ich hoffe mit diesen Worten allen Menschen die bisher noch nicht wussten was das eigentlich soll eine Gedankenstütze geworden zu sein, und allen solidarischen Männern mit diesen einfachen Beispielen klar gemacht zu haben worum es bei #MeToo geht. Und ich hoffe, für all die Menschen, die ähnlich Erfahrungen machen müssen, dass dieser kleine Text vielleicht einer der vielen Anstöße ist, die es braucht um ein Umdenken zu erzeugen, damit wir irgendwann einfach alle Menschen unter Menschen sein dürfen, scheiß egal welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welche Religion oder Herkunft wir haben. Jede*r einzelne von euch kann heute noch damit Anfangen diese Welt entstehen zu lassen. Ganz einfach durch respektvolles Verhalten anderen Menschen gegenüber. Oder einfach dadurch, zu helfen wenn es notwendig ist, so wieder unbekannte Punk.