In den Straßen von Stade

Vor einiger Zeit war ich in Stade. Als ich meine Fotos noch einmal durchgesehen habe, dachte ich, es ist schade, dass ich nichts dazu geschrieben habe. Das habe ich jetzt nachgeholt.

Mein erster Eindruck

„Wenn ich schon einmal da bin, dann kann man sich die Altstadt auch gleich ansehen“ dachte ich, nachdem ich das Museum in Stade verlassen hatte.

Der Blick in die Altstadt von Stade

Es war ein arschkalter Tag, an dem paradoxer weise die Sonne schien, wie selten in Norddeutschland. Die Farben an den Hauswänden strahlten und meine Finger froren bitterlich. Doch gleich auf den ersten Blick wirkte die Umgebung so faszinierend, dass ich es mir nicht nehmen lassen wollte mich noch einmal umzusehen.

Die Stadt lädt ein in Phantasie zu versinken. In den Vorstellungen eines mittelalterliches Lebens, dass im Kopf dann doch viel Idyllischer abläuft, als es gewesen sein kann. Altbauten reihen sich in den Straßenzügen aneinander. Sie sind gut in Schuss, restauriert und wohl gepflegt. Fachwerk und charmante schiefe Giebel am alten Hafenbecken. Dazwischen steht ein hölzerner mittelalterlicher Lastenkran. Die gepflegten Gassen lassen den Besucher die Mühsal des mittelalterlichen Lebens vergessen. Dabei verliert Stade aber nicht seine Authentizität. Charakteristisch fügt sich ein über Jahrhunderte gewachsenes Stadtbild zu einem ganzen zusammen.

Wenn Holzbalken sprechen könnten!?

Besonders schön sind Fachwerkhäuser, deren Fassaden den alten Straßen ihren Charme verleihen. Das Holz an den Fassaden der einzelnen Häuser ist Detailhaft verziert. Manchmal kann ich Stunden vor einzelnen Gebäuden stehen bleiben, finde immer noch nicht alle Spielereien in den spätmittelalterlichen Verzierungen. Ich mache immer wieder Fotos von einzelnen Details und bin doch enttäuscht, dass die Fotos nicht an die Schönheit der Realität heran kommen. Bei einigen Gebäuden beginne ich Kunsthistoriker um ihr wissen zu beneiden, denn ich möchte die Geheimnisse dieser Fassaden entschlüsseln. Wer hat hier gelebt? Und was ist hier schon alles Passiert?

Fachwerk mit besonders schöner Gestalltung

Details aus Holz

geschnitze Details

Auf der suche nach Antworten, sind für mich als Archäologin die verbauten Hölzer fast interessanter als die bloße Fassadendekoration. Das Bauholz im inneren ließ es in der Vergangenheit schon oft zu dendrochronologische Analysen durchzuführen. Hierbei wird mittels eines Vergleiches der Baumringe das Fälldatum ermittelt. So wird ein ungefähres Datum erzeugt in Bezug auf die Errichtung des Gebäudes. Solche Daten sind oft Aufschlussreich, wenn man eine Baugeschichte rekonstruieren will. Oder anders gesagt, man versucht die Holzbalken zum Sprechen zu bringen.

Geschichten in der Geschichte

Es gibt Häuser, bei denen ein Errichtungsdatum in die Türbalken eingeritzt ist. Das Traufenhaus zum Beispiel trägt eine Inschrift mit der Zahl 1590 und tatsächlich deckt sich dieses Datum mit den Dendrodaten der Stützbalken. Bei anderen Gebäuden wiederum lässt sich anhand dieser Daten zeigen, dass das ein oder andere Haus im laufe seiner Existenz eine neue Fassade erhalten hat. Zum Teil liegen zwischen der Grundstruktur des Hauses, und den in der Fasse verbauten Hölzern über 140 Jahre Baugeschichte. An Häusern mit so einer wechselhaften Baugeschichte manifestiert sich oft die wechselnde Lebensrealität der Bewohner. Häuser sind eben auch Zeugen des Aufstiegs und Untergangs ganzer Familien. Gerade das macht es so spannend ihnen ihre Geschichten zu entlocken.

Das Kunsthaus Wasser West

Das Kunsthaus Wasser West

Bei vielen Gebäuden bekannt, wer hier einst lebte und arbeitete. Das Kunsthaus Wasser West beispielsweise, dass 1667 erbaut wurde. Mindestens 10 verschiedene Familien sind bekannt, die dieses Haus im laufe seiner Geschichte schon besessen haben. Es hat gute und prachtvolle Zeiten erlebt, genauso wie traurige Tage. Mindestens einmal musste eine Familie das Haus wegen einer Zwangsversteigerung verlassen, eine andere ging hier in Konkurs. Das Gebäude mit seiner hübschen Fassade ist nur ein Beispiel der wechselvollen Lebensgeschichten, die diese Stadt und ihre Architektur geprägt haben.

Wer sich näher mit der Erforschung der Geschichte und der Geschichten aus Stade auseinander setzten möchte, dem empfehle einmal in das Buch Auf den Spuren des alten Stade zu schauen.

Der Nachbau eines Holzkranes am alten Hafenbecken von Stade

Skyline mit Holzkran

Und in mitten der Altstadtromantik, direkt am Hafenbecken steht ein mittelalterlicher hölzerner Kran. Er wirkt wie kein zweites Gebäude auf die Atmosphäre der Hafenstadt. Es ist ein Verein der dieses Symbol pflegt. Eine kleine Ausstellung, die man sich gegen eine Spende ansehen darf befindet sich im inneren des Krans. Es ist eiskalt, Musik läuft, und eine freundliche aber durchgefrorene Frau versucht mir meine Fragen zu beantworten.

Im 13ten Jahrhundert wurde diese Kranart entwickelt um Waren von Handelsschiffen an und abzuladen. Damals war es ein häufiger Alltagsgegenstadt der Seefahrt, heute ist es ein Unikat. Betrieben wurde er durch Laufräder, die Hamsterrädern ähneln. Die mittelalterliche Mechanik wurde durch die Muskelkraft von zwei Männern betrieben die in diesem Rad liefen. Ich empfehle, wer sich einmal Stade ansieht, diesen Kran nicht auszulassen. Es handelt sich zwar nur um einen Nachbau aus unserer Zeit. Dennoch ist es mehr als ein Lernort über die technische Kompetenz des Mittelalters. Es ist ein einzigartiges Symbol norddeutscher Küstengeschichte.

Freiwilliger Selbstbetrug

Skulptur einer Frau mit Fisch

Skulptur einer Frau mit Fisch

Um das Hafenbecken herum tummeln sich nicht nur die Touristen, sondern auch die Skulptur einer Frau mit einem Fisch. Sie gibt einem die Möglichkeit, sich das mittelalterliche Leben verstärkt bildlich vorzustellen. Es ist ein wenig als ob für diese Frau und diese Stadt die Zeit einfach stehen geblieben ist. Und wir können nun dorthin fahren und uns ansehen wie es einmal war. Als währe es ein begehbares Foto.

Beim trödeln und bummeln durch die alten Gassen fällt mir allerdings eines auf. Stade ist ein besonderer Ort, der in seinem Kern kaum Kriegsschäden hat. Die Gebäude sind so gut in stand gehalten, dass alles etwas zu perfekt, etwas zu schön wirkt. Bei einer bloßen Besichtigung kommen Pest und Rattenkot, Bettler und der Duft von Kuhdung, welche auch in das mittelalterliche Stadtbild gehörten, nicht vor. An Stelle dessen ist es fast ein wenig wie einem Freizeitpark. Gewerbetreibende haben das lange entdeckt, und so finden sich Gasthäuser, Cafés und Restaurants hinter den historischen Fassaden.

Natürlich ist es schöner in seiner Freizeit den Anblick der schönen Häuser einfach nur zu genießen. Und doch verfälscht es das Bild, dass wir im Kopf haben, wenn wir an „die gute alte Zeit“ denken. Diese war eben auch eine sehr harte Zeit, deren Probleme in unserer Welt lange verklungen und unvorstellbar sind. Und so ist so ein Besuch in historischer Idylle immer auch ein Stück weit freiwilliger Selbstbetrug.

Dennoch lohnt es sich einmal durch die Gassen zu streifen. Besonders für Hobbyfotografen ist Stade bei gutem Wetter ein lohnendes Ziel. Denn es gibt hier Ecken die einmalig schön sind.

Weitere Bilder von Stade