Über den Dächern Berns – Der Münster und sein Turm

Das ist nichts für jemanden mit Platzangst, denke ich als ich die schmale Wendeltreppe im Münsterturm betrete. Schritt um Schritt nähere ich mich dem Himmel. Steil ist er, der Aufstieg auf den Münsterturm. Irgendwann öffnen sich Fenster in eine Richtung. Stockwerk für Stockwerk schraubt sich der Überblick über die Stadt in die Höhe. Am Ende stehe ich auf einer Plattform.

Die Aussicht ist Wunderbar. Und auch wenn es an dWasserspeieriesem Tag regnet, kann man bis zu den Alpen sehen. Auf Augenhöhe mit den frisch restaurierten Wasserspeiern, sieht die Welt ganz anders aus. Das grüne Wasser der Aare rauscht um die Stadt herum. Menschen so groß wie Spielfiguren laufen durch die Gassen und verschwinden in den Arkaden. Die gesamte Altstadt lässt sich beobachten. Ihre Dächer glänzen im Regen, was diese Stadt selbst bei grauem Wetter schön aussehen lässt.

Ausblick (2)Ausblick (3)Ausblick (4)

Ich drehe mich herum und betrachte den Münster aus nächster nähe. Er ist edel aber schlicht. Das liegt nicht nur daran, dass die Einrichtung dem Bildersturm zum Opfer gefallen ist. Der Münster ist ein Zeichen der Berner Unabhängigkeit von der Diözese Lausanne. Um dieses Zeichen zu setzen, war er zeitweise das längste Gotteshaus der Schweiz. Heute hat er mit 100m den höchsten Turm. Allerdings waren zu Beginn dieser Unabhängigkeit die Kassen leer, sodass beim Bau gespart werden musste.

Der Grundstein wurde bereits 1421 gelegt. Der erste Baumeister Matthäus Ensinger, verwirklichte sich später auch am Ulmer Münster, was die massive Ähnlichkeit der beiden gotischen Gotteshäuser erklärt. Das Gebäude wurde im Uhrzeigersinn um die bestehende Leutkirche herum gebaut. Aber ungefähr 10 Jahre später musste der Bau zum ersten Mal unterbrochen werden. Der Boden sackte ab, und ein bedrohlicher Riss durchzog das Gebäude. Erst nachdem das Fundament stabilisiert wurde konnte weiter gearbeitet werden.Fenster

1484 bekam Bern schließlich ein eigenes Kirchenrecht. Doch schon wenige Jahrzehnte später, wütete der Bildersturm in dem Gebäude. Zahlreiche Kunstgegenstände wurden hierbei zerschlagen und entwendet. Die Fenster wurden zwar in Ruhe gelassen, aber bis auf wenige ausnahmen in einem späteren Hagelsturm zerstört.

1986 wurden über 500 Bruchstücke der originalen Skulpturen bei Sanierungsarbeiten am Münsterfundament gefunden. Sie sind heute im Bernischen Historischen Museum ausgestellt, welches sich diesem Thema ausgiebig widmet. Hier finden sich auch die Originale des gotischen Kirchenportals, dass am Münster selbst nur als Replik zu sehen ist. Eine gute und sehr detaillierte Aufarbeitung der archäologischen so wie der kunsthistorischen Untersuchungen kann man in Der Berner Skulpturenfund: die Ergebnisse der kunsthistorischen Auswertung von Franz Josef Sladezek nachlesen.

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Im Winter 1561 wurde in der Kathedrale von Lausanne der Altar entwendet. Am 4ten Februar traf das 2,5 Tonnen schwere Granitkunstwerk auf Schlitten geladen, im c.a. 90km entfernten Bern ein. Seither steht der Altar im Berner Münster. Er ist eines der Symbole Berns als aufstrebende Stadt im 16ten Jh., welche sich gegenüber Lausanne mehr und mehr unabhängig macht.

1592 wurde der Bau des Münsters dann gestoppt, denn der BaumeisteMünsterr Daniel Heintz war verstorben. Erst 1893 wurde der Schlussstein des Turmes gesetzt. Der Münster ist aus dem weichen Sandstein der Umgebung gebaut, und deswegen laufend der Erosion Preis gegeben. Das Gebäude ist dadurch zu Dauerrestaurierung verdammt.

Heute ist der Münster eines der Symbole der Berner Altstadt, Die zum UNESCO Weltkulturerbe zählt. Ich atme noch ein Letztes mal durch, als ich auf dem höchsten Punkt der Altstadt stehe, und gehe die schmale Wendeltreppe hinab. Auf dem Weg nach unten Frage ich mich, wie es wohl möglich ist, unbemerkt einen 2,5 Tonnen schweren Altar aus einer Kathedrale zu stehlen!?

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